UDO GÖẞWALD | GEORG VON WILCKEN

48 Thesen

Wie wir besser zusammenleben können

48 Thesen - Wie wir besser zusammenleben können
EDITORIAL
Die Menschheit hat in ihrer Geschichte eine Fülle von Positionen formuliert, um das gesellschaftliche Zusammenleben zu regeln. Alle Religionen und Kulturen, die Verfassungen der Staaten, philosophische Schriften, Erklärungen zu Menschenrechten sowie unterschiedlichste gesellschaftliche Narrative legen seit Tausenden von Jahren Zeugnis vom Streben der Menschen ab, sich über gesellschaftliche Werte zu verständigen und sich für deren Einhaltung gemeinsame Regeln und Normen zu geben.
Im beginnenden 21. Jahrhundert zeigt sich die Menschheit in einer noch nie dagewesenen globalen Vernetzung und Kooperation. Zugleich ist sie geprägt von tiefgreifenden Kontroversen über gesellschaftliche Werte und Normen. Es drängt sich für die Menschheit deshalb die Aufgabe auf, über gemeinsame weltumspannende Verabredungen nachzudenken. Dabei geht es um Vereinbarungen, wie ein friedlicher und konstruktiver Umgang zwischen einzelnen Menschen, innerhalb einer Gruppe, eines Staates oder zwischen Staaten, Religionen und Kulturen gewährleistet werden kann. Es geht um Formen der aktiven Teilhabe an demokratischen Entscheidungsprozessen und um die Frage, wie gesellschaftlich erwirtschafteter Reichtum gerechter verteilt werden kann. Angesichts der zunehmenden Erderwärmung kommt es darauf an, die Umsetzung der Klimaschutzziele konsequent zu verwirklichen, um irreversible Schäden der Natur und der Artenvielfalt zu verhindern.
Jeder Mensch interpretiert die Welt auf seine Art und Weise. Weil der Einzelne jedoch auch eine Verantwortung für das Gemeinwohl trägt, kann nur eine gemeinsame Perspektive dabei helfen, in Zukunft besser zusammenzuleben. Diese 48 Thesen sind als Anregung für alle gedacht, die über neue Verabredungen für unsere Zukunft nachdenken wollen.
Hinweis: An den mit markierten Stellen neben den Thesen können Sie grundlegende Diskussionsbeiträge zu dem jeweiligen Thema aufrufen.
INDIVIDUUM UND WELT

1

Jeder Mensch ist anders und besonders. Dies gilt es zu würdigen und zu schützen.

2

Jeder Mensch entwickelt aus dem Wissen der eigenen Einzigartigkeit die Fähigkeit, auch den anderen in seiner Einzigartigkeit zu erkennen und ihm Achtung und Wertschätzung entgegenzubringen.

3

Jeder Mensch ist ein Suchender. Es steht ihm frei, die Welt zu erkunden und zu erforschen, um die Grenzen des bisherigen Wissens zu erweitern und zu überwinden, sofern sich andere dadurch nicht in ihren Rechten beschränkt fühlen.

4

Jeder Mensch stellt sich Fragen zum Ursprung des Lebens und dem Geheimnis des Todes. Jede von ihm gewählte Antwort auf diese Fragen sind gegenüber den Antworten anderer Menschen als gleichwertig zu betrachten. Sofern er sie in seinem Glauben findet, sind diese gegenüber den Antworten aller anderen Glaubensbekenntnisse in gleichem Maß zu respektieren.

5

Jeder Mensch wird durch andere Menschen, natürliche Begebenheiten, Dinge und künstlerische Ausdrucksformen sinnlich berührt und angesprochen. Mit diesen Formen von Resonanz erfährt er sich und die Welt immer wieder neu. Indem er sich durch die Komplexität des Lebens und die Vielfalt der Welt verführen, ergreifen, aber auch verunsichern lässt, zeichnet er sich als menschliches Wesen aus.

Quellen und Verweise:

6

Jeder Mensch ist Teil der Natur. Er kann seine Gattung nur erhalten und entfalten, wenn er mit der Natur im Einklang lebt und sich nicht über sie stellt. Dafür trägt jeder einzelne Mensch Verantwortung. Zur Erhaltung der Tier- und Pflanzenvielfalt sollte mindestens ein Drittel der Erdoberfläche unter Naturschutz gestellt werden.

Quellen und Verweise:

7

Jeder Mensch achtet auf einen schonenden und nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Welt und nutzt seine Vernunft, um sie zu bewahren. Daraus entsteht für Unternehmen die Verpflichtung, jeden extensiven Verbrauch von Ressourcen zu vermeiden und entweder durch den Anbau nachwachsender Rohstoffe oder durch Investitionen in alternative, nicht-fossile Energiequellen auszugleichen.

Quellen und Verweise:

8

Jeder Mensch hat Anspruch auf die Reinhaltung von Luft und Wasser sowie den Schutz vor schädlichen Umwelteinflüssen, gesundheits-gefährdender Strahlung und den Folgen der Erderwärmung. Er setzt sich dafür ein, dass die Klimaschutzziele global umgesetzt werden und trägt persönlich dazu bei, dass weniger Lebensmittel verschwendet und Verkehr sowie Müll reduziert werden.

Quellen und Verweise:
SOZIALES UND GEMEINSCHAFT

9

Jeder Mensch ist in erster Linie ein soziales Wesen. Er braucht die Einbindung in eine Gemeinschaft, in der er frei und zugleich in Verantwortung leben kann. In der Gemeinschaft entwickelt er die Fähigkeit, die Welt nach seinen Bedürfnissen und dabei zum Wohle aller zu gestalten. Als Individuum unterstützt er nach seinen Möglichkeiten freiwillig das produktive und kreative Schaffen der anderen.

Quellen und Verweise:

10

Jeder Mensch wird von Geburt an mit der Erfahrung von Angst konfrontiert, die ihn schutzbedürftig und verletzbar macht. Im Laufe seines Lebens lernt er, sich selbst zu schützen und auch anderen Schutz zu bieten. Es gehört zum Schutz, aktiv Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen und zu erhalten.

11

Jeder Mensch sollte wissen, dass seine eigene Zukunft auch in den Händen von anderen liegt. Im Laufe unseres Lebens lernen wir, dem eigenen Narzissmus Grenzen zu setzen, uns für andere zu öffnen und ihnen mit Mitgefühl und Respekt zu begegnen. Eine Voraussetzung, um besser und friedlicher zusammenzuleben, ist die Fähigkeit, sich gegenseitig zu vergeben und zu verzeihen.

Quellen und Verweise:

12

Jeder Mensch braucht die Liebe und Nähe eines anderen. Die Liebe darf jedoch keine Fessel sein, sie entfaltet sich erst, wenn jeder dem anderen freien Raum zur Gestaltung lässt. Liebe gründet im gegenseitigen Vertrauen und bietet die Möglichkeit, sich als verletzlich zu zeigen. Die Liebe ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Kraft und den Mut zu entwickeln, sich neuen Herausforderungen im Leben zu stellen.

13

Jeder Mensch ist verpflichtet, die körperliche und seelische Integrität des anderen zu achten und zu schützen. Dies gilt insbesondere für Beziehungen in der Familie oder im Beruf, die durch unvermeidliche Abhängigkeitsverhältnisse gekennzeichnet sind. Es stehen ihm alle Formen der Ausübung von Sexualität offen, sofern diese den Schutz von Minderjährigen gewährleisten und auf gegenseitigem Einverständnis beruhen.
HEIMAT UND IDENTITÄT

14

Jeder Mensch sucht in der Umgebung, die ihm vertraut ist, Schutz und Geborgenheit. Daraus entsteht ein inneres Bild von Heimat, das ihn ein Leben lang begleitet. Dieses Bild kann zur Quelle unbewusster Wünsche nach einem ewigen, unveränderlichen Ort werden. Doch wir selbst und der See, in dem wir badeten, verändern sich mit der Zeit. Deshalb gelingt Heimat nur dort, wo wir uns miteinander geborgen fühlen und frei entfalten können.

15

Für jeden Menschen ist das Fremde eine herausfordernde Chance, um sich aus der gewohnten Umgebung hinaus zu bewegen. Das Fremde ist aber auch mit Bedrohung und Angst verbunden, was wiederum die Sehnsucht nach Heimat und Tradition befördert. Das Leben des Menschen pendelt zwischen diesen beiden Erfahrungsräumen. Trotz aller Unsicherheiten und Unvorhersehbarkeiten, die damit einhergehen, sollte er sein Leben mit Mut, Zuversicht und Vernunft gestalten.

16

Jeder Mensch besitzt verschiedene Identitäten durch seine ethnische und soziale Herkunft, seine Religion, seinen Beruf, seine politische Einstellung und seine persönlichen und sozialen Neigungen. Welche Bedeutung er ihnen zukommen lässt, entscheidet er selbst. Es ist nicht hinnehmbar, dass andere seine Identität eindimensional festlegen, denn jeder Mensch ist ein komplexes und beziehungsreiches soziales Wesen.

Quellen und Verweise:

17

Jeder Mensch ist aufgefordert, alle Formen körperlicher oder seelischer Gewalt, insbesondere die Diskriminierung und Ausgrenzung anderer, zu unterlassen. Auch ist jeder Mensch gehalten, die Sprache als Instrument des Hasses und der Zwietracht zu jeder Zeit zu mäßigen und andere nicht anzugreifen oder herabzuwürdigen.

Quellen und Verweise:
POLITIK UND GESELLSCHAFT

18

Jeder Mensch genießt qua Geburt die Bürgerrechte, die ihm die Verfassung seines Geburtslandes gewährt. Er achtet die demokratische Verfassung seines Landes, schützt und verteidigt die darin festgelegten Grundwerte von Frieden, Freiheit und Demokratie. Er setzt sich dafür ein, dass diese Grundwerte in allen Gesellschaftsformen verwirklicht und umgesetzt werden.

19

Jeder Mensch, der wahlberechtigt ist, kann neben der Staatsbürgerschaft seines Landes die Staatsbürgerschaft einer Staatengemeinschaft, der sein Land angehört, beispielsweise der EU, erwerben. Er erhält dann das Wahlrecht und genießt die von der Staatengemeinschaft festgelegten Regeln der Reise- und Visafreiheit, der Niederlassungsfreiheit sowie des freien Handels- und Warenverkehrs. Durch seine supranationale Staatsbürgerschaft bekennt er sich zu den Grundwerten der Staatengemeinschaft. Die Staatengemeinschaft schützt insbesondere seine sozialen und demokratischen Rechte.

20

Jeder Mensch kann neben seiner eigenen Staatsbürgerschaft auch die eines anderen Staates erwerben, sofern er dauerhaft dessen Rechte und Pflichten achtet und ein Drittel seiner Lebenszeit dort verbracht hat.

21

Jeder Mensch achtet die Gleichberechtigung aller Geschlechter und wirkt daran mit, dass sie in Beruf, Familie und Gesellschaft durchgesetzt, eingehalten und gefördert wird. Benachteiligungen für gesellschaftliche Gruppen, die nachweislich durch strukturellen Rassismus bedingt oder entstanden sind, werden anerkannt und entsprechend kompensiert. Es wird angestrebt, dass solche Benachteiligungen langfristig beseitigt werden.

22

Jeder Mensch, der wahlberechtigt ist, erhält im Rahmen von Bürgervoten die Möglichkeit, an grundsätzlichen gesellschaftlichen Entscheidungen seines Landes besonders in den Bereichen Energie, Umwelt, Bildung, Verkehr und Infrastruktur mitzuwirken. Diese Bürgervoten werden von einem umfassenden Diskussionsprozess in dezentralen und zentralen Bürgerforen begleitet. Alle Informationen, die für die Meinungsbildung erforderlich sind, werden durch die Medien und Bildungseinrichtungen aufbereitet und stehen jederzeit zur Nutzung zur Verfügung.

Quellen und Verweise:

23

Jeder Mensch trägt Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft in seinem Land. Um ein lebendiges Gemeinwesen zu gestalten, ist er aufgefordert, sich in Institutionen wie Parteien, Verbänden, Schulen, Hochschulen, Gewerkschaften, Vereinen oder religiösen Gemeinschaften zu engagieren. Wer Verantwortung für andere übernimmt oder Zivilcourage zeigt, erhält besondere Wertschätzung und Achtung.

Quellen und Verweise:

24

Jeder Mensch trägt Verantwortung für die Aufarbeitung historischer Verbrechen seines Landes. Er trägt zur Aufklärung der Umstände und Ursachen für diese Verbrechen bei und tritt dafür ein, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Der Opfer ist in angemessener Form zu gedenken. Die sozialen oder wirtschaftlichen Benachteiligungen für die betroffenen Bevölkerungsgruppen werden durch nationale Reparationsfonds ausgeglichen.

Quellen und Verweise:
FLUCHT UND MIGRATION

25

Jeder Mensch, der auf Grund von wirtschaftlicher Not oder durch Krieg gezwungen ist, sein Land zu verlassen, genießt den humanitären Schutz des Staates, in den er geflohen ist. Mit ausdrücklicher Unterstützung der Weltgemeinschaft organisieren vor allem die Nachbarländer des betroffenen Staates die Aufnahme und Betreuung der Geflüchteten. Jedes Land kann nur in dem Ausmaß Verantwortung für Geflüchtete übernehmen, dass der innere soziale und kulturelle Zusammenhalt nicht gefährdet wird.

Quellen und Verweise:

26

Jeder Mensch, der aus politischen, religiösen, ethnischen oder rassistischen Gründen verfolgt wird, hat das Recht in einem Land seiner Wahl Asyl zu beantragen. Dabei entscheidet das Parlament des Gastlandes regelmäßig darüber, in welchem Umfang Menschen Asyl gewährt werden kann. Asylsuchende und Asylberechtigte genießen das Gast- und Aufenthaltsrecht, solange in ihrer Heimat Menschen verfolgt werden und eine Rückkehr in sichere Lebensumstände nicht möglich ist.

27

Jeder Mensch, der in ein anderes Land auswandert, hat die Verpflichtung, sich aktiv in das Aufnahmeland zu integrieren. Das Aufnahmeland schafft die Voraussetzungen dafür, dass er die neue Sprache erlernen und sich mit den neuen Sitten und Gebräuchen vertraut machen kann. Ihm wird Unterstützung bei der Suche nach sozialverträglichen Arbeitsmöglichkeiten und angemessenem Wohnraum gewährt. Das Parlament des Aufnahmelandes entscheidet regelmäßig darüber, wie viele Menschen einwandern können.

Quellen und Verweise:

28

Jeder Mensch trägt durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden dazu bei, dass sich seine eigene Kultur verändert. Er zollt Kultur, Geschichte und Religion anderer Länder und Völker Respekt, insoweit diese nicht die Grundwerte von Frieden, Freiheit und Demokratie in Frage stellen. Als Zuwandernde oder als Geflüchteter bzw. Asylbewerber trägt er aktiv dazu bei, ein friedliches und verständnisvolles Zusammenleben zu gestalten.
KULTUR UND BILDUNG

29

Jeder Mensch schützt und bewahrt das kulturelle Erbe der Menschheit. Seine eigene Geschichte und sein kreatives Schaffen können als Teil einer Kultur der Menschheit verstanden werden. Damit wird der individuelle Impuls über alle sozialen Grenzen hinweg weitergetragen und das Gedächtnis der Menschheit von Angehörigen aller sozialen Gruppen bereichert.

Quellen und Verweise:

30

Jedem Menschen steht es frei, seine Verbundenheit mit den demokratischen Traditionen und dem immateriellen Kulturerbe seines Landes zum Ausdruck zu bringen. Dies darf jedoch nicht in Form eines Nationalismus geschehen, der die Kultur und Geschichte anderer Länder oder Völker diskriminiert.

31

Jedem Menschen steht es frei, sein Leben durch Rituale zu gestalten, die ihm Struktur und Ordnung, Bedeutung und Kontinuität, kollektive Identität und Gemeinschaftsgefühl geben können. Die Kraft der Rituale kann einen Gegenpol zur alltäglichen Realität bilden, aber auch die Möglichkeit bieten, unser Leben und das Verhältnis zu anderen Menschen zu überdenken und möglicherweise zu ändern. Ein Ritual darf jedoch niemals unter innerem oder äußerem Zwang ausgeübt werden und zur Ausgrenzung oder Diskriminierung anderer Menschen führen.

Quellen und Verweise:

32

Jeder Mensch respektiert die Werte einer offenen Gesellschaft, die sich dadurch auszeichnet, dass sie Schutzbedürftigen und Benachteiligten hilft, Minderheitenrechte verteidigt und kulturelle Vielfalt als Bereicherung anerkennt.

Quellen und Verweise:

33

Jeder Mensch achtet die Meinung des anderen. Oberste Priorität hat das Gespräch und der Dialog als Mittel zur Regelung von Konflikten. Gewaltfreie Lösungen von Konflikten erfordern verbale Abrüstung und die Suche nach einem Kompromiss oder Interessenausgleich.

Quellen und Verweise:

34

Jeder Mensch sollte die Erziehung seiner Kinder als eine der wertvollsten Aufgaben seines Lebens erachten. Grundlage dafür ist der Respekt vor den natürlichen Anlagen des Kindes, die er nach seinen Möglichkeiten fördert. Er schenkt deshalb seinen Kindern gebührend Zeit und Aufmerksamkeit. Dafür wird jedem Elternteil bis zum 14. Lebensjahr des Kindes eine Reduzierung seiner Regelarbeitszeit um bis zu einem Drittel ermöglicht.

35

Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Schulbildung, durch die er seine Fähigkeiten zum selbstständigen, team- und lösungsorientierten Denken und Handeln entwickelt. Eine gute schulische Bildung ist die Voraussetzung für jeden Menschen, um seine eigenen Fähigkeiten und Talente zu entdecken und zu entwickeln. Das schulische Bildungssystem hat die Aufgabe, alle Kinder gleichermaßen zu fördern und bei Bedarf besondere Unterstützung und Förderung zu gewährleisten. Dadurch wird die Voraussetzung geschaffen, dass jeder Mensch sich mit seinen persönlichen Ressourcen in die Gesellschaft einbringt.
WIRTSCHAFT UND ARBEIT

36

Jeder Mensch trägt durch seine Arbeit zum Gemeinwohl bei. Arbeit ist eine wesentliche Grundlage unseres Zusammenlebens und die zentrale Quelle der Wertschöpfung. Ihre Qualität beruht auf der differenzierten Erfahrung mit dem Arbeitsprozess und dem jeweiligen Produkt. Es ist deshalb von besonderer Bedeutung, den Wert der Arbeit zu schätzen und anzuerkennen. Um sich den verändernden Produktionsbedingungen, die insbesondere durch die Digitalisierung entstehen, anpassen zu können, werden rechtzeitig umfassende Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten.

Quellen und Verweise:

37

Jeder Mensch hat Anspruch auf ein Arbeitsklima, das seine Motivation und Leistung fördert und Kooperation ermöglicht. Er wirkt daran mit, dass die hergestellten materiellen und geistigen Produkte einen gesellschaftlichen Nutzen und einen sinnvollen, nachhaltigen und inspirierenden Charakter haben. Um eine berufliche Neuorientierung zu fördern, soziales Engagement zu unterstützen, ein künstlerisches Projekt zu realisieren oder eine wissenschaftliche Arbeit zu erstellen, besteht die Möglichkeit, für insgesamt drei Jahre ein existenzsicherndes Grundeinkommen zu beziehen.

38

Jeder Mensch, der ein Unternehmen gründet oder betreibt, sorgt dafür, dass seine Beschäftigten einen Lohn bekommen, der mindestens dem branchenüblichen Tariflohn entspricht. Das höchste Einkommen, das in einem Unternehmen erzielt wird, sollte nur in Ausnahmefällen das Dreifache des niedrigsten Einkommens überschreiten.

39

Jeder Mensch, der in einem Betrieb oder Unternehmen beschäftigt ist, hat Anrecht auf eine Gewinnbeteiligung. Mindestens ein Drittel des Gewinns steht den Beschäftigten eines Betriebes zu und wird anteilig gemäß der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Gewinns ausgeschüttet. Eine Reinvestition des Gewinnanteils ist möglich, sofern die Beschäftigten dem zustimmen.

40

Jeder Mensch hat Anspruch auf eine angemessene Rente nach Abschluss seines Erwerbslebens. Sie beträgt als staatlich garantierte Grundrente mindestens die Hälfte des Durchschnittseinkommens. Sie finanziert sich zu je einem Drittel aus einem betrieblichen oder privaten Pensionsfonds, Steuergeldern und Sozialversicherungsbeiträgen.

41

Jeder Mensch ist verpflichtet, sein Eigentum so zu verwenden, dass es dem Wohle der Allgemeinheit dient. Seinen persönlichen Besitz vererbt er zu einem Drittel einer gemeinnützigen Stiftung oder dem Staat. Wenn es sich um Betriebskapital handelt und die Erben die Firma aktiv weiter betreiben, bleibt dieses unangetastet.

Quellen und Verweise:

42

Jeder Mensch kann auf der Grundlage seines Vermögens und seines Einkommens Schulden machen. Ein Drittel der Schuldenlast muss durch Eigenkapital gedeckt sein, die Belastungen dürfen ein Drittel seines Einkommens nicht übersteigen.

43

Jeder Mensch, der sein Vermögen in spekulative Kapitalanlagen investiert, führt die daraus erzielten Gewinne zu einem Drittel an eine gemeinnützige Stiftung oder den Staat ab.

44

Jeder Mensch darf frei mit Gütern handeln, die anderen nicht schaden. Es wird angestrebt, dass der Welthandel den Kriterien des Fairtrade entspricht und bei globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten die Menschenrechte eingehalten werden.

45

Jeder Mensch, der Land pachtet oder erwirbt, ist verpflichtet, es so zu bebauen oder zu bewirtschaften, dass es dem Gemeinwohl dient. Von dem erwirtschafteten Gewinn kommt ein Drittel einer gemeinnützigen Stiftung oder dem Staat zugute. Grund und Boden sowie der Wohnungsmarkt stehen unter besonderem Schutz des Staates. Es wird angestrebt, dass mindestens ein Drittel des Wohnungsbestandes gemeinnütziges Eigentum ist und Geringverdienende nur ein Drittel ihres Einkommens für die Miete aufwenden.

Quellen und Verweise:

46

Jeder Mensch, der wahlberechtigt ist, erhält durch Bürgervoten angemessene Mitwirkungsrechte, die langfristige Investitionen in die Zukunft seines Landes oder einer Staatengemeinschaft betreffen. Diese Bürgervoten werden von einem umfassenden Diskussionsprozess in dezentralen und zentralen Bürgerforen begleitet. Die Höhe der Investitionen orientiert sich am Potenzial, das eine nationale bzw. supranationale Wirtschaft besitzt, um in der Zukunft Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Die Investitionen müssen so getätigt werden, dass die dafür aufgenommenen Schulden in einem angemessenen Zeitrahmen wieder abgebaut werden.

47

Jeder Mensch ist Teil der globalen Zivilisation. Durch die weltweite Vernetzung entsteht in zunehmendem Maße ein globales Bewusstsein. In den Bereichen Produktion, Handel, Transport und digitale Technologien sind neue Erwerbsquellen entstanden. Durch internationale Vereinbarungen wird dafür gesorgt, dass offene Gesellschaften, der freie Fluss von Ideen und sozial gerechte Arbeitsbedingungen gefördert werden, die den Wohlstand aller mehren.

48

Jeder Mensch hat einen Anspruch darauf, dass die Folgen der globalen Wirtschaft, sofern sie für ihn nachweislich einen unverhältnismäßigen Nachteil oder wirtschaftlichen Schaden verursacht haben, durch einen Internationalen Sozialfonds ausgeglichen werden. Unternehmen sind gehalten, ihre Lieferketten zu diversifizieren und nur maximal ein Drittel ihrer Produktion ins Ausland zu verlagern, um in globalen Krisensituationen im Inland ausreichend Kapazitäten zur Verfügung zu haben.

Quellen und Verweise:

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5 Kommentare zu „48 Thesen“

  1. Hut ab. Ein kleinster gemeinsamer Nenner. Ein schätzenswerter Appendix zum Grundgesetz. Ein real-utopischer Entwurf. Wolfgang Abendroth würde ihn sicherlich begrüßen!

  2. What struck me — besides how grand, wise and human your vision is — is also how European you are compared to the views of Americans. The sense of individual rights here is powerful and only getting more unabashedly anti-societal. Cases in point: wearing a mask, climate change; owning a gun (and opposing even the most reasonable restrictions on guns); Trump’s America First. I don’t know if the US has always been this way, but got disguised through lofty ideals of spreading democracy and so-called equality, but we have become an immensely selfish and uncaring people relative to the rest of the world (and even relative to each other). I don’t think I realized how far the US had traveled until reading your 48. My sense is that you could have a fruitful and meaningful discussion of your principles in Europe; the discussion would end before it even started here.

    I would like to live in the world your create . . . .

    One substantive question: there are a lot of one-thirds. Is there a basis to that across the different principles in which you use it to allocate shares, versus one half or one quarter. Just curious.

    In 1960, the top marginal tax rate in the US was 70%; it is now 35%, with capital gains taxed at 20%. Thus, the rich get richer and is disproportions that are extreme. I think this will become the major source of conflict in the US in the coming years. Oddly, most of Trump’s followers are poor white people at the bottom of the food chain lacking college education or upward mobility. You would think they would be at the front of the revolutionary ranks, but no. They’re the ones willing to throw democracy away on a demigod.

    1. One of the basic ideas of my paper was to strengthen the sense of community. After such a long period of prioritising the me-perspective (nothing against #metoo!) I found it important to draw attention to what we can actually give back to society, if we were lucky enough to be born on the bright side of life. So I thought up a very simple formula: 1/3 for my pleasure, 1/3 for my family and friends, 1/3 for society. This I attached to the cases of inheritance, the making
      of profit through business, ownership of property or financial transactions.

      In case of inheritance its accepting that all you have achieved, is based on what your social and economic starting position was and sharing a reasonable part in order to help others have better conditions in the future. Therefore I say that you can give it to foundations who do good things with it.

      In case of profits (!) you make, it seems reasonable to me that those who contributed to it, should have their fair share and if your property gains value without you contributing it’s also fair to have society get a proportion of it.

      The 1/3 idea is to define a cultural and social value by fixing a proportion that is easy to communicate, that has a chance to be generally accepted and that has a symbolic function in terms of “if I gain more, I will share more”. To me it should be easy to teach that in school. Growing wealth then always has a social dimension and it will free you of constantly being scrutinized or morally insulted for your achievements. I’m not an expert in this, but it might even keep income taxes fairly low.

      The other 1/3 aspects came gradually, are based on already existing demands by NGOs or UN resolutions and of course they are also symbolic and easy to memorize: the UN demands 1/3 of the world’s territority to be natural reservations in order to protect flora and fauna, the towns of Zürich or Vienna have succesfully dealt with social housing issues by making sure that 1/3 of tenements are in public hand, every reasonable bank will only give you a mortgage, if you can provide 1/3 of the necessary capital. And finally, after the Corona experience leading economists proclaimed that it makes sense not to have more than 1/3 of your production line abroad.

  3. Ich finde es wichtig, dass wir uns immer wieder überlegen, was es eigentlich jeden Tag zu tun gilt, um ein friedliches Zusammenleben zu fördern. Als Schweizer Bürger denke ich an die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als viele Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen wurden. Deshalb scheint mir die These 26 sehr wichtig

    “Jeder Mensch, der aus politischen, religiösen, ethnischen oder rassistischen Gründen verfolgt wird, hat das Recht in einem Land seiner Wahl Asyl zu beantragen. Dabei entscheidet das Parlament des Gastlandes regelmäßig darüber, in welchem Umfang Menschen Asyl gewährt werden kann. Asylsuchende und Asylberechtigte genießen das Gast- und Aufenthaltsrecht, solange in ihrer Heimat Menschen verfolgt werden und eine Rückkehr in sichere Lebensumstände nicht möglich ist.”

    Hier der Link zu einem Video, das ich vor vielen Jahren zu diesem Thema gemacht habe: https://vimeo.com/manage/videos/50214481

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